Stascha Rohmer webVorwort

Mobilis in Mobile – ein Bewegliches, das sich in und mit uns wandelt, so charak-terisierte der spanische Philosoph José Ortega y Gasset einmal den Zustand, der in seinen Augen der Idealzustand der europäischen Kultur sein sollte: nämlich ein Zustand immer fortdauernder, kreativer, kultureller Schöpfung.

José Ortega y Gasset hat sich unter seinen Zeitgenossen zu Recht als Dekan der Europa-Idee betrachtet. Denn die Idee der europäischen Integration bildet nicht nur einen wichtigen Ausgangspunkt für das Verständnis der Genese von Ortegas Lebensphiloso-phie, sondern stellt ein Leitmotiv in allen wichtigen Etappen seines philosophischen Denkens dar. Erstaunlich und visionär zugleich mag es uns heutigen anmuten, dass obwohl sich Europa zu Ortegas Lebzeiten gleich zweimal – 1918 und 1945 – an den Rand der Selbstvernichtung gebracht hat, Ortega doch stets an der Möglichkeit des europäischen Vereinigungprozesses geglaubt und an dieser festgehalten hat. Um es kurz zu sagen: Je schlechter es um Europa stand, desto emphatischer trat der spanische Denker für die europäische Vereinigung ein. Dabei ist gerade im vorliegenden Text zugleich offenkundig, dass Ortega im vollen Bewusstsein der Krise und Zerrissenheit, die Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder einmal durchlebte, philosophierte.

Fragt man sich heute, worin die Relevanz von Ortegas Europaphilosophie für das gegenwärtige und zu­künftige Europa  liegen könnte,  dann wird man zugleich den ver-änderten, historischen Vorzeichen Rechnung zu tragen haben. Denn aus der Möglichkeit der europäischen Vereinigung ist heute Wirklichkeit geworden. Herausgewachsen aus zahlreichen Nationalstaaten bildet die Europäische Union politisch betrachtet zwar immer noch kein homogenes Erscheinungsbild. Und dennoch hat sie in den letzten 50 Jahren ein staatsförmiges Gebilde hervorgebracht, das, wie der Berliner Philosoph Volker Gerhardt herausstellt, „sich in den letzten fünfzig Jahren so dynamisch und so konsequent entwickelt hat, wie kein anderes Staatswesen auf der Welt“. Die EU verfügt heute über ein eigenes Territorium, hat eigene Institutionen, ein eigenes Recht und bietet Millionen von Menschen Arbeit. Das zusammengewachsene Europa ist damit im Zuge der Globalisierung zu einer unleugbaren Realität geworden und wird auch von den außereuropäischen Nationen so wahrgenommen.

Obwohl sich Europa aber nach innen und nach außen offenkundig im gewissen Sinne als Einheit, als staatlicher Verbund präsentiert, ist es eigenartiger Weise keineswegs leicht zu definieren, worin denn das darin angelegte Moment der europäischen Identität besteht. Schon etwa die Frage nach der Aufnahme der Türkei in den Staatenverbund reicht bekanntlich aus, um uns als Europäer mit der Frage zu konfrontieren, was wir überhaupt mit dem Begriff “Europa” meinen. Mit der Antwort auf die Frage wie sich Europa intellektuell auf der Weltkarte zu verorten hat, steht dabei zugleich die Zukunft Europas auf dem Spiel: Wer nicht beantworten kann, was Europa de facto ist, der wird auch keine Perspektive entwickeln könne, wie das zukünftige Europa beschaffen sein sollte.

Eben hierin tritt die Relevanz von Ortegas Europa-Philosophie für das heutige Europa zu Tage. Denn Ortega hat die Frage nach der europäischen Identität nicht nur zu seiner Zeit schon ganz ausdrücklich gestellt, sondern ihr auch eine eindeutige Antwort gegeben: Der Begriff Europa zielt nicht primär auf eine geographische oder wirtschaft-liche Einheit ab, sondern bezieht seinen Sinn aus der Existenz eines gemeinsamen Kul-turbewusstseins, das in seinen Augen die europäischen Völker von jeher verband. Dieses gemeinsame Kulturbewusstsein als ein System von geteilten Überzeugungen, Glau­bens­gewissheiten und Werten stellt in seinen Augen den Möglichkeitsgrund jeder einzelnen europäischen Nation dar. Natürlich besitzt aus Ortegas Sicht auch jede einzel-ne europäische Nation einen ganz individuellen Charakter. Aber so wie sich jedes “Ich” nur im Angesicht seines “Gegenüber”, dem Du, zu konturieren vermag, so ist jede europäische Einzelnation zur Entfaltung ihres individuellen Charakters notwendig auf die anderen europäischen Nationen angewiesen. Das gemeinsame europäische Kulturbewusstsein ist damit aus Ortegas Sicht im wesentlichen Resultat der schöp-ferischen Überwindung innerhalb der in der europäischen Kulturvielfalt anlegten Gegensätze. Dabei meint Überwindung gerade nicht die Auslöschung des individuellen Charakters und der Traditionen jeder einzelnen europäischen Kulturnation. Über­windung meint vielmehr hier die Schaffung einer neuen, höheren Einheit und Existenz-weise, in der die individuellen Eigenarten und Differenzen, die in der europäischen kulturel­len Vielfalt angelegt sind, zugleich aufbewahrt sind. Das alle europäischen Kulturnationen miteinander verbindende Band sollte aus Ortegas Sicht dabei jener humanistische Geist sein, dem Europa ihm zufolge zugleich in historischer Perspektive seine Existenz verdankt.

Sei es in Bezug auf die Frage der Türkeiaufnahme in die EU oder z.B. in Bezug auf den Prozess der Harmonisierung und Gleichschaltung der europäischen Hochschul-landschaften im Rahmen des Bologna-Prozesses – Ortega y Gassets Europaphilosophie ist heute aktueller denn je. Als Vorsitzender der deutschen Gesellschaft José Ortega y Gasset freue ich mich daher, dass die Kerngedanken seiner Europaidee mit der Neuauflage dieser kleinen Schrift wieder einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Denn im Rahmen der Selbstfindung der europäischen Identität stellt das Denken Ortegas zweifelsohne einen Meilenstein dar und es wäre wünschenswert, das sein Humanismus und sein eindringlicher Appell an das gemeinsame europäische Kulturbewusstsein gerade im Europa des 21. Jahrhunderts weiterhin als eine formende Kraft wirksam ist. Eben hierfür setzt die deutsche Gesellschaft José Ortega y Gasset sich ein.

Berlin, den 15.11.2009, Stascha Rohmer

„Gibt es ein europäisches Kulturbewußtsein?“

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Unter diesem Titel unterbreitete José Ortega y Gasset in einem Vortrag am 29.09.1953 in München seine Europaidee anlässlich der Tagung des KULTURKREISES IM BUNDESVERBAND DER DEUTSCHEN INDUSTRIE

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DER ORIGINALTEXT wird zur ZEIT überarbeitet.

ORTEGAS SCHKUSSGEDANKE ZUM EUROPAVORTRAG WIRD NACHSTEHEND DARGEBOTEN :

“Es wäre aber irrig anzunehmen, daß man daraus auf ein Nichtvorhandensein eines europäischen Kulturbewußtseins schließen dürfte. Im Gegenteil, die letzte Ursache dieser Erscheinung wurzelt, wie ich bereits angedeutet habe, in diesem Kulturbewußtsein selbst. Vielleicht mit Recht hört man von allen Seiten, daß unsere europäische Kultur in ihren tiefsten Grundfesten eine akute Krise durchmache, daß alles in ihr fragwürdig, problematisch geworden sei. Wenn sich unsere Völker darüber Rechenschaft ablegen, dann bedarf es keines sichereren und stärkeren Beweises dafür, daß es ein europäisches Kulturbewußtsein gibt – leider jetzt mit negativem Inhalt.


Die Tatsache, daß unsere Zivilisation problematisch geworden ist, daß alle ihre Prinzipien ohne Ausnahme fraglich erscheinen, ist nicht unbedingt traurig oder bedauerlich und durchaus kein Zeichen der Agonie, sondern im Gegenteil ein Symptom dafür, daß eine neue Form der Zivilisation unter uns aufkeimt, daß also im Ungewitter augenscheinlicher Katastrophen – Katastrophen greifen in der Geschichte nie so tief ein, wie die Zeitgenossen glauben –, daß also im Angesicht dieser scheinbaren Katastrophen unter Kummer, Schmerzen und Not eine neue Gestalt des menschlichen Daseins im Entstehen begriffen ist. So denken wir.


Die europäische Zivilisation zweifelt ernstlich an sich selbst. Wir können uns gratulieren, daß es so ist. Ich kann mich nicht erinnern, daß irgendeine Zivilisation an einem Anfall von Zweifeln zugrunde gegangen wäre. Ich glaube mich vielmehr zu entsinnen, daß Zivilisationen an einer Versteinerung ihrer Glaubenstradition und einer Arterienverkalkung ihres Glaubensinhaltes zugrunde gegangen sind.

Es gehört eben zur europäischen Kultur als ihr vielleicht charakteristischster Zug, daß sie periodisch eine Krise durchmacht. Gerade das bedeutet aber, daß sie nicht, wie andere große geschichtliche Kulturen, eine verschlossene, auf immer kristallisierte Kultur ist. Es wäre daher ein Irrtum, die europäische Kultur nach bestimmten Merkmalen zu definieren. Ihr Ruhm und ihre Kraft bestehen darin, daß sie stets bereit ist, über das, was sie war, hinauszugreifen, immer über sich selbst hinauszuwachsen. Die europäische Kultur ist eine immer fortdauernde Schöpfung. Sie ist keine Herberge, sondern ein Weg, der immer zum Gehen nötigt. Cervantes, der so vieles erlebt hat, spricht im Alter die mahnenden Worte: Der Weg ist besser als die Herberge.”

Kategorie: Originaltexte