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	<title>Deutsche Gesellschaft José Ortega y Gasset &#187; Politik/Gesellschaft</title>
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	<description>Förderkreis Lebendige Kultur e.V.</description>
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		<title>Bericht zum Festakt der Preisverleihung 2015</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Mar 2017 09:49:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gkuehnle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik/Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[ F E S T R E D E
von
Dr. Peter Gauweiler, MdB
Staatsminister a.D.
Verleihung des Ortega-Preises für Jagdkultur
„Europa als Kultur ist nicht dasselbe
 
wie Europa als Staat“
Deutsches Jagd- und Fischereimuseum
München, am 11. März 2015
&#8220;Yo soy yo y mi circunstancia&#8221;
Gratulation zum Ortega-Preis!
Ich hoffe, dass es bei dieser Preisverleihung nicht ist wie beim Geburtstag und man vorher nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.ortegagesellschaft.de/wp-content/uploads/2017/03/DSC021323.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-808" title="DSC02132" src="http://www.ortegagesellschaft.de/wp-content/uploads/2017/03/DSC021323-e1490175836305-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" /></a> <strong>F E S T R E D E</strong></p>
<p>von</p>
<p><strong>Dr. Peter Gauweiler, MdB</strong></p>
<p>Staatsminister a.D.</p>
<p>Verleihung des Ortega-Preises für Jagdkultur</p>
<p><strong>„Europa als Kultur ist nicht dasselbe</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>wie Europa als Staat“</strong></p>
<p>Deutsches Jagd- und Fischereimuseum</p>
<p>München, am 11. März 2015</p>
<h5>&#8220;Yo soy yo y mi circunstancia&#8221;</h5>
<p>Gratulation zum Ortega-Preis!</p>
<p>Ich hoffe, dass es bei dieser Preisverleihung nicht ist wie beim Geburtstag und man vorher nicht gratulieren darf. So riskiere ich es und gratuliere schon jetzt auf das Herzlichste den beiden Vertretern deutscher Jagdkultur, die heute mit dem Ortega-Preis für Jagdkultur ausgezeichnet werden.</p>
<p>Dieser Preis, der mit dem Namen, dem Denken und Wirken von José Ortega y Gasset verbunden ist, ist für den, der mit Jagd und Natur verbunden ist, eine ebenso herausragende wie berührende Würdigung.</p>
<p>Der Umweltminister und die Jagd	In meiner mittlerweile schon etwas längeren politischen Laufbahn war ich auch einmal bayerischer  Umweltminister und habe mich als solcher mit allen Formen des menschlichen Umgangs mit der Natur befassen dürfen, den positiven wie den negativen.</p>
<p>Eine davon, die mich besonders fasziniert und angezogen hat, war und ist die Jagd – was ich damals in mancher &#8220;grüner&#8221; Runde nicht allzu laut sagen konnte.</p>
<p>&#8220;Meditationen über die Jagd“	Ich bin damals auch auf die &#8220;Meditationen über die Jagd“ des großen spanischen Schriftstellers und Philosophen Ortega y Gasset gestoßen, der darin die Jagd als die erlebbare Einheit von Personen und Umwelt beschreibt.</p>
<p>Er folgt darin seinem schon 1914 formulierten, später berühmt gewordenen Satz: „Ich bin ich und meine Umwelt“ (&#8220;Yo soy yo y mi circunstancia&#8221;). Umwelt ist dabei nicht nur in einem ökologischen Sinne aufzufassen, sondern meint alle Umstände, alle reale soziale, kulturelle oder wirtschaftliche Gegebenheit.</p>
<p>Ökologie vor aller Ökologie	So versteht Ortega y Gasset dann auch die Jagd als ein Erlebnis der Einheit mit der Natur.</p>
<p>Sowie Tiere einander jagen, ständig Jagende und Gejagte oder beides in einem sind, und bei Wegfall dieser Lebensumstände körperlich und seelisch degenerieren, so erfährt der jagende Mensch sich selbst als Teil dieser Natur.</p>
<p>Der Mensch und die Menschheit, ihr persönliches und „artspezifisches“ Werden und Sein, ihre Existenz und Zukunft als Teil der Umwelt, mit dieser auf Gedeih und Verderb untrennbar verbunden &#8211; alles, was die moderne Wissenschaft von der Ökologie im Kern besagt, ist in diesem Satz enthalten, formuliert in einer Zeit, als noch niemand an Umweltschutz oder Ökologie dachte:</p>
<p>&#8220;Ich bin ich und meine Umwelt&#8221;</p>
<p>Dekan der Europa-Idee</p>
<p>Leitmotiv Europa	Ebenso früh hat Ortega y Gasset, dieser große spanische Philosoph, Essayist, Soziologe und Prosaschriftsteller, sich auch mit der Idee der europäischen Integration befasst, die dann zu einem Leitmotiv in allen Etappen seines philosophischen und schriftstellerischen Wirkens wird. Er hat sich selbst und völlig zu Recht als „Dekan der Europaidee&#8221; bezeichnet &#8211; so in seinem großen Vortrag von 1953 in München:</p>
<p>&#8220;Sehr wahrscheinlich, leider, bin ich heute unter den Lebenden der &#8220;Dekan&#8221;, der älteste von denen, welche die Idee Europa ausgerufen haben.&#8221;</p>
<p>Wir heute können ergänzen:</p>
<p>&#8220;Auch einer der größten&#8221;.</p>
<p>Vereinigte Staaten von Europa	So heißt es in seinem Hauptwerk „Der Aufstand der Massen“ von 1930:</p>
<p>„Ist es so sicher, dass sich Europa im Abstieg befindet und die Herrschaft niederlegt, abgedankt?</p>
<p>Sollte nicht dieser scheinbare Niedergang die heilsame Krise sein, die Europa gestattet, wahrhaft Europa zu werden?</p>
<p>War nicht der offenbare Verfall der europäischen Nationen eine unvermeidliche Notwendigkeit, wenn eines Tages die vereinigten Staaten von Europa entstehen und Europas Vielfalt durch seine echte Einheit ersetzt werden sollte?&#8230;</p>
<p>Europa ist als Gefüge kleiner Nationen entstanden. Nationalgedanke und Nationalgefühl waren in gewissem Sinn seine bezeichnenden Erfindungen. Nun sieht es sich gezwungen, sich selbst zu überwinden. Das ist das Schema des gewaltigen Dramas, das sich in den kommenden Jahren abspielen wird. Wird sich Europa von den Überresten der Vergangenheit befreien können oder für immer ihr Gefangener bleiben?</p>
<p>Denn es ist schon einmal in der Geschichte geschehen, dass eine große Zivilisation starb, weil sie ihre überlieferte Staatsidee nicht aufgeben konnte…“</p>
<p>Das ist geschrieben nach dem Ersten Weltkrieg. Die sich anbahnende Katastrophe des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs konnte sich auch ein so hellsichtiger Geist wie Ortega y Gasset damals nicht ausmalen.</p>
<h3 style="text-align: center;"><span style="color: #339966;">KULTURDEFINITION  der   U N E S C O</span></h3>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #339966;">„Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen.</span></p>
<p><span style="color: #339966;"> </span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="color: #339966;">Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen.“</span></p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p>Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich diese Herausforderung erneut und noch drängender. Wir verdanken dem Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie, dass Ortega y Gasset am 29. September 1953 in München in einem weltberühmten Vortrag der Frage nachgehen konnte:</p>
<h3>„Gibt es ein europäisches Kulturbewusstsein?“</h3>
<p>Kulturbewusstsein als Grundlage der Vereinigung	In diesem Vortrag skizzierte Ortega die kulturelle Entwicklung Europas als Voraussetzung für den Prozess einer politischen Vereinigung: Nur wenn es ein gemeinsames europäisches Kulturbewusstsein gäbe, könne man über die Vereinigung Europas nachdenken.</p>
<p>So heißt es in dem Vortrag:</p>
<p>Grundkapital gemeinsame Kultur	&#8220;Die Völker Europas sehen sich heute vor einer Reihe von Gefahren und Schwierigkeiten, die umfassendere Lösungen zu verlangen scheinen, als sie die einzelnen &#8230; Völker zu erreichen vermögen.</p>
<p>Es scheint, als hätten alle diese Völker das Gefühl, dass sie aufeinander angewiesen sind und bereit sein müssen, gemeinsame Arbeit zu leisten und wie ein geeintes Europa zu handeln. Dies würde und wird nicht möglich sein, wenn sich die westlichen Völker fremd bleiben und wenn in ihnen nicht eine gemeinsame Grundlage vorhanden ist.</p>
<p>Der Druck der Verhältnisse &#8230; würde allein nicht dazu ausreichen &#8230;.</p>
<p>Ihr die richtige Form zu geben, ist ein riesiges Unternehmen, dass man nicht improvisieren kann. Eine solche Unternehmung wäre ohne ein Grundkapital unmöglich. Dieses Grundkapital kann aber nur in einem gemeinsamen Kulturbewusstsein bestehen, das schon da sein muss.“</p>
<p>Historisch einzigartiger Erfolg</p>
<p>62 Jahre später	Seit diesem Vortrag von 1953 sind bald 62 Jahre vergangen. Welchen Vortrag würde Ortega y Gasset wohl heute erhalten? Würde er seinen Vortrag von damals umschreiben? Wäre er glücklich oder enttäuscht, angesichts dessen, was sich in diesen zweiundsechzig Jahren in Europa vollzogen hat?</p>
<p>Glück des Kontinents	Ich glaube, dass Ortega die vergangenen 62 Jahre als das würdigen würde, was sie sind: eine unglaubliche, glückliche, historisch einmalige Leistung.</p>
<p>Bei aller Kritik, die an der Entwicklung und dem Zustand der europäischen Integration angebracht ist, und Sie wissen, dass ich mit solcher Kritik nicht spare, so ist doch das Europa von heute ein unglaubliches Glück für diesen Kontinent.</p>
<p>Blick zurück	Es genügt ja ein kleiner Blick zurück auf 1953, das Jahr des Vortrags, und das, was sich seither vollzogen hat.</p>
<p>17. Juni 1953	Im Juni des Jahres 1953 zeigt die DDR erstmalig die ganze Brutalität und Inhumanität dieses kommunistischen Regimes.</p>
<p>Kalter Krieg	Im Juli 1953 endet der Koreakrieg, der mit dem kommunistischen Angriff auf Südkorea die Welt an den Rand eines Dritten Weltkriegs gebracht hatte und mit dem endgültig ein Kalter Krieg zwischen Ost und West eingeleitet und die Teilung Deutschlands verfestigt wurde.</p>
<p>Im Westen: Versöhnung	Im westlichen, freien Teile Europas begannen die Staaten langsam in einem Werk der Versöhnung die tiefen Gräben des Weltkriegs zu überwinden und die Bundesrepublik Deutschland schrittweise in ein Netz der Partnerschaft einzubinden.</p>
<p>EGKS	Im Juli 1952 wurde die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegründet, die sich auf die Zusammenarbeit wichtiger Schlüsselindustrien richtete, letztlich und vor allem aber der deutsch-französischen Aussöhnung diente.</p>
<p>EVG	Gleichzeitig kam die Idee einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) auf, die 1954 dann aber scheiterte.</p>
<p>EWG und Euratom	Fünf Jahre später (1958) entstanden die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und Euratom.</p>
<p>EG	Vierzehn weitere Jahre später (1967) wurde die Europäische Gemeinschaft (EG) durch die Zusammenlegung der drei Teilgemeinschaften EGKS, EWG und Euratom gegründet.</p>
<p>Maastricht	1992 wird mit dem Vertrag von Maastricht die Europäische Union und die Wirtschaft- und Währungsunion gegründet und eine gemeinsame Währung, der Euro, eingeführt.</p>
<p>Lissabon	Als Ersatz für den EU-Verfassungsvertrag, der 2005 in den Referenden in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt wird, wird der Vertrag von Lissabon geschaffen, der am 1. Dezember 2009 in Kraft getreten ist.</p>
<p>Osterweiterung	Nach dem Ende des Kalten Krieges, nachdem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in Osteuropa, der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Wiedererstehen freier, souveräner Staaten Mittel- und Osteuropas treten in den Jahren nach 2000 die baltischen Staaten, Tschechien, Slowakei, Slowenien und Ungarn, später dann Bulgarien und Rumänien, schließlich auch Kroatien der Europäischen Union bei.</p>
<p>Höchst dynamisches staatliches Gebilde	Aus den kleinen, bescheidenen Anfängen des Jahres 1953 ist in den vergangenen sechzig Jahren ein staatsförmiges Gebilde entstanden, das sich in dieser Zeit entwickelt hat wie kein anderes Staatswesen auf der Welt. Man könnte fast sagen: ein „als ob Staat.“</p>
<p>Europa als Kultur und Europa als Staat</p>
<p>Zum Thema	Dem Juristen, dem Rechtsanwalt und Parlamentarier sei noch ein Wort zu den Ausführungen Ortega y Gassets in München zum Staat gestattet. In dem Zitat, das zu unserem heutigen Thema geworden ist, führt Ortega aus:</p>
<p>„Es muss daher festgestellt werden, dass es zwar von jeher ein europäisches Kulturbewusstsein, aber scheinbar noch nie eine Europa-Einheit in dem Sinne gegeben hat, indem man diesen Ausdruck heute gebraucht, nämlich als Staatsgebilde. Europa als Kultur ist durchaus nicht das gleiche wie Europa als Staat.“</p>
<p>Europas Wurzel in der Kultur	Damit hat er natürlich recht. Europa ist älter als die moderne staatliche und überstaatliche Organisation, die sich heute als Europäische Union darstellt. Europa reicht tiefer in die Geschichte zurück, es wurzelt in der Kultur und den Zusammenleben seiner Völker. So viele Wandlungen und Akzentuierung in der Begriff „Europa&#8221; im Verlauf seiner Geschichte auch erfahren hat, immer</p>
<p>hatte er eine völlig andere Dimension als die moderne Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten.</p>
<p>Staat als Kultur	Doch meine ich, dass wir das, “was die Juristen Staat nennen“, so Ortega mit ironischem Unterton, als das würdigen sollten, was es ist:</p>
<p>ein Teil unserer europäischen Kultur.</p>
<p>Seit dem Anbeginn europäischer Geschichte ist der Staat in seinen europäischen Formen ein herausragendes Spezifikum europäischer Identität:</p>
<p>•	die klassische griechische Demokratie, die erste, große Vision eines Staates freier, selbstbestimmter Bürger,</p>
<p>•	das römische Rechtswesen, das bis zum heutigen Tage fortwirkt,</p>
<p>•	die mittelalterliche Trennung der Gewalten, von Thron und Altar: hier der Papst, dort der Kaiser,</p>
<p>eine freiheitssichernde Gewaltenteilung, die alle religiöse oder ideologische Theokratie ablehnt,</p>
<p>sie,</p>
<p>•	die Selbstverwaltung der Städte, als Orte bürgerschaftlicher Selbstbestimmung,</p>
<p>•	die Befriedung eines jahrzehntelangen religiösen Bürgerkriegs und die Herausbildung eines Staates, in dem unterschiedliche Religionen in einem gemeinsamen Staat gleichberechtigt und tolerant Zusammenleben,</p>
<p>•	die Ausbildung der modernen Nationalstaaten, dessen Souverän das Volk ist &#8211; gleich wie man nun dieses Volk definieren will, gemäß französischer Schule nach Sprache und Kultur, gemäß deutscher Schule nach Ethnie und Abstammung,</p>
<p>•	nicht zuletzt und vor allem: die Entwicklung unserer heutigen demokratischen und rechtsstaatlichen Staatlichkeit, mit Gewaltenteilung, unabhängigen Gerichten und gewählter Volksvertretung.</p>
<p>Das ist eine historische, letztlich kulturelle Leistung Europas, um die uns viele, viele Völker der Welt beneiden.</p>
<p>Man braucht nicht weit über die Grenzen Europas zu blicken, um sich davon zu überzeugen.</p>
<p>Vereinigte Staaten von Europa?</p>
<p>Staatenverbund oder Bundesstaat	Wenn wir heute in der europäischen Union darum ringen, ob sich die europäische Union vom Staatenverbund zu einem Bundesstaat fortentwickeln soll, ob die EU zu einem supranationalen Gebilde werden oder ob es bei dem Zusammenwirken einzelner Staaten zur Erreichung gemeinsamer Ziele bleiben soll, dann geht es um</p>
<p>zutiefst kulturelle Fragen:</p>
<p>Es geht um Demokratie, Selbstbestimmung, Subsidiarität – also den Aufbau des Staates von unten nach oben mit dem weitesten möglichen Recht der unteren Ebene auf Gestaltung der eigenen Angelegenheiten.</p>
<p>Es geht um Freiheit, um Vielfalt, um die Nähe zur Heimat und zum Menschen &#8211; alles ur-europäische kulturelle Güter und Werte.</p>
<p>Leitlinien des Bundesverfassungsgerichts	Dieser Streit der beiden gegensätzlichen Konzepte einer europäischen Integration bewegt seit Beginn der europäischen Einigung die europäischen Staaten und wird sie auch künftig umtreiben. Für Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht mit großen, wegweisenden Entscheidungen feste Leitplanken für die deutsche Einigungspolitik gelegt.</p>
<p>Ich bin durchaus stolz, dass ich mit meinen Verfassungsbeschwerden nicht unwesentlich dazu beitragen konnte.</p>
<p>Maastricht-Urteil	Die Reihe dieser Entscheidungen beginnt mit dem Maastricht-Urteil vom 12.10.1993.</p>
<p>Mit dem Vertrag von Maastricht wurde zum einen die Europäische Union gegründet, die die bis dahin existierenden europäischen Gemeinschaften überwölben sollte. Zum anderen wurde im Vertrag von Maastricht die Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Währungs-Union beschlossen, die später zur Einführung des Euro führte.</p>
<p>Frage der demokratischen Legitimation	Gegen das Ratifizierungsgesetz und die Verfassungsänderung wurden Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht eingereicht. Im Ergebnis hat das Bundesverfassungsgericht den Unionsvertrag für vereinbar mit dem demokratischen Prinzip erklärt, dabei aber bestimmte Voraussetzungen für die Europäische Union festgehalten und bestimmte Anforderungen an ihre demokratische Legitimation hervorgehoben.</p>
<p>Staatenverbund</p>
<p>Mit seiner ausführlichen Begründung hat das Bundesverfassungsgericht Verfassungsgeschichte geschrieben. Die Europäische Union sei ein „Staatenverbund“, der einerseits hoheitliche Rechte besitzt und darum kein reiner Staatenbund sei. Andererseits könne er sich auf kein europäisches Staatsvolk stützen und sei darum auch kein Bundesstaat.</p>
<p>Demokratische Legitimation durch Mitgliedsstaaten	„Das Demokratieprinzip hindert die Bundesrepublik Deutschland nicht an einer Mitgliedschaft an einer supranational organisierten zwischenstaatlichen Gemeinschaft. Voraussetzung der Mitgliedschaft ist aber, dass eine vom Volk ausgehende Legitimation und Einflussnahme auch innerhalb eines Staatenverbundes gesichert ist.</p>
<p>Rechtsherrschaft der Mitgliedsstaaten	Die Bundesrepublik Deutschland ist somit auch nach dem Inkrafttreten des Union-Vertrags Mitglied in einem Staatenverbund, dessen Gemeinschaftsgewalt sich von den Mitgliedsstaaten ableitet und im deutschen Hoheitsbereich nur Kraft des deutschen Rechtsanwendungsbefehls verbindlich wirken kann.“</p>
<p>Urteil zum Vertrag von Lissabon	16 Jahre später wurde das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 30. Juni 2009 zum Vertrag von Lissabon zu einer &#8220;Sternstunde“ der deutschen Verfassungsgeschichte, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb.</p>
<p>Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts sei der Vertrag von Lissabon zwar mit dem Grundgesetz zu vereinbaren, dürfe in Deutschland aber erst ratifiziert werden, wenn das deutsche Begleitgesetz das in zentralen Fragen verfassungswidrig sei, neu gefasst dem deutschen Bundestag mehr Rechte einräumt.</p>
<p>Demokratische Legitimation unzulänglich	Das Bundesverfassungsgericht hat ausdrücklich festgehalten, dass die demokratische Legitimation der EU-Organe auch nach dem Vertrag von Lissabon unzulänglich sei. Die Gesetzgebung der EU werde letztlich nur über die Mitgliedsstaaten demokratisch legitimiert.</p>
<p>Keine gleichen Wahlen	Wie das Bundesverfassungsgericht festhält:</p>
<p>&#8220;Gemessen am verfassungsstaatlichen Erfordernissen fehlt es der Europäischen Union auch nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon an einem durch gleiche Wahlen aller Unionsbürger zu Stande gekommenen politischen Entscheidungsorgan Organ mit der Fähigkeit zur einheitlichen Repräsentation des Volkswillen.</p>
<p>Weder Regierungsbildung noch Opposition</p>
<p>Es fehlt, damit zusammenhängend, zudem an einem System der Herrschaft Organisationen, in dem ein europäischer Mehrheitswille die Regierungsbildung so trägt, dass er auf freie und gleiche Wahlentscheidungen zurückreicht und ein echter und für die Bürger transparenter Wettstreit zwischen Regierung und Opposition entstehen kann.“</p>
<p>Degressiv proportionale Vertretung	Der vom Bundesverfassungsgericht gerügte Verstoß gegen das Gebot einer gleichen Wahl, die so genannte degressiv proportionale Vertretung der Bürger im europäischen Parlament, nahm mit dem Vertrag von Lissabon sogar noch zu.</p>
<p>Nach dem Vertrag von Lissabon hatte Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern 96 Sitze im europäischen Parlament, Malta mit 0,4 Millionen sechs Sitze. Ein deutscher Abgeordneter vertrat ca. 854.000 Einwohner, ein maltesischer Abgeordneter ca. 67.000 (dies Proportionalitätsfaktor von 12,8).</p>
<p>Schranke für Integration	Das Bundesverfassungsgericht klargestellt, dass das Prinzip der souveränen Staatlichkeit eine Schranke für die Integrationsermächtigung ist. Das deutsche Grundgesetz erlaubt demnach eine Übertragung von Hoheitsrechten an die EU nur, wenn sichergestellt ist, dass die Mitgliedsstaaten souveräne Staaten bleiben und die EU ein Staatenverbund ist und nicht zu einem Bundesstaat wird.</p>
<p>Mehr Integration nur durch Volksentscheid	Eine Integration, die diese Schwelle übersteigt, wäre nach dem Bundesverfassungsgericht nur zulässig auf der Basis einer verfassungsgebenden Volksentscheidung. Wie das Gericht festhält, müsse eine derartige</p>
<p>„Verfassungsneuschöpfung &#8230;von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen“ werden.</p>
<p>Unterlaufen der Leitplanken	Das sind klare verfassungsgerichtliche Leitplanken. Aber man muss auch die Gefahr sehen, dass durch eine Integrationspolitik der kleinen Schritte diese Leitplanken unterlaufen werden. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Vosskuhle, hat in einer Podiumsdiskussion in Berlin 2011 (Veranstaltung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages am 17.11.2011) gewarnt:</p>
<p>Andreas Vosskuhle	&#8220;Wir sollten nicht so weitermachen wie bisher, nicht so tun, als hätten wir viel Spielraum für weitere Integrationsschritte &#8230;</p>
<p>Wir kommen in einen Bereich, indem es kritisch wird&#8230; zu einer schleichenden Transformation in einen europäischen Bundesstaat &#8230;</p>
<p>Es kann sein, dass wir von einem europäischen Bundesstaat in der Ferne reden und nicht erkennen, dass wir in einem europäischen Bundesstaat leben.&#8221;</p>
<p>Man müsse aufpassen, nicht einen schleichenden, unerkannten Prozess in Gang zu setzen,</p>
<p>&#8220;den wir nicht kontrollieren können&#8221;.</p>
<p>Europa der Vielfalt</p>
<p>Einheit Europas &#8211; eine kulturelle Frage	Dieses Ringen um die Integration und die Gestalt der politischen Einheit Europas ist eine zutiefst kulturelle Auseinandersetzung., Und sie darf darum auch nicht allein mit Blick auf wirtschaftliche, finanzielle, machtpolitische Vorteile geführt werden. An erster Stelle steht die Frage nach der kulturellen Identität Europas:</p>
<p>„Europa als Kultur ist durchaus nicht das gleiche wie Europa als Staat“</p>
<p>sagt Ortega in München – nämlich weitaus mehr, weitaus tiefer und größer.</p>
<p>Aber umgekehrt hat Europa als Staat nur dann Zukunft, wenn ein geeintes Europa in Europa als Kultur wurzelt und daraus seine Identität schöpft.</p>
<p>Etatismus und Transferunion	Die Frage nach der Integration Europas muss deshalb in der Politik und der Öffentlichkeit offen und ausführlich diskutiert werden.</p>
<p>•	Liegt die Zukunft Europas in einem Mehr an Zentralisierung, an europäischem Etatismus und großer zentralgesteuerter europäische Transferunion, welche die Unterschiede mehr oder weniger sanft von oben ausgleicht und nivelliert?</p>
<p>Vielfalt der Identitäten	•	Oder liegt die Zukunft Europas im Unterschied, im Wettstreit und Wettbewerb, in der Wahrung nationaler und regionaler Identitäten – bei allem Wandel und bei aller Annäherung, die die Globalisierung der Welt mit sich bringt?</p>
<p><a href="http://www.ortegagesellschaft.de/wp-content/uploads/2017/03/DSC02138.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-832" title="DSC02138" src="http://www.ortegagesellschaft.de/wp-content/uploads/2017/03/DSC02138-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a></p>
<p>• de Gaulle	Wir haben in der Krise der letzten Jahre und nicht zuletzt in der politischen Diskussion der letzten Monate seit den griechischen Wahlen erfahren, wovor schon de Gaulle in seinen „Memoiren der Hoffnung“ warnte:</p>
<p>&#8220;Welch tiefer Illusion &#8230; muss man verfallen, um glauben zu können, europäische Nationen, deren jede ihre eigene Geographie, ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre besondere Tradition und Institution hat, könnten ihr Eigenleben abgeben und nur noch ein einziges Volk bilden?&#8221;</p>
<p>&#8220;Ur-Zweideutigkeit&#8221; 	De Gaulle warnte davor, ein künstliches Vaterland anzustreben, das nur dem Gehirn von Technokraten entsprang. Vor den Organen der Gemeinschaft in Brüssel warnte er wegen der &#8220;Ur-Zweideutigkeit der ganzen Institution“:</p>
<p>Abstimmung oder Verschmelzung	&#8220;Heißt ihr Ziel gegenseitige Abstimmung des internationalen Vorgehens? Oder will sie völlige Verschmelzung der Volkswirtschaften und der jeweiligen Politik?&#8221;</p>
<p>Müßig zu sagen, dass ich, allen Wunschträumen abhold, die erste Konzeption vertrete. Aber auf der zweiten ruhen alle Illusionen der supranationalen Schule.“</p>
<p>Bestimmende Rolle der Nationalstaaten	Die Nationalstaaten und die nationalen Parlamente werden nach meiner Überzeugung auch künftig die bestimmende Rolle in Europa spielen müssen. Das mag manchen deutschen Europafreunden nicht gefallen, die den deutschen Nationalstaat überwinden wollen, gewissermaßen als Buße für Auschwitz.</p>
<p>Aber mit ihrem Wunsch stehen sie in Europa ziemlich allein – wenn man einmal von der Bürokratie in Brüssel absieht.</p>
<p>Souveränität durch Integration	Nehmen wir nur das Beispiel Polens, dessen Premierminister in Aachen zum Karlspreis seine bewegende Rede gehalten hat. Nur dank der europäischen Integration ist dieses Land heute wirklich souverän. Und Ähnliches gilt für alle Staaten Mittel- und Osteuropas, die ihre Freiheit durch und in Europa gefunden haben.</p>
<p>Die Menschen dieser Staaten, und vieler anderer in Europa, denken ihre Kultur mit dem Nationalstaat zusammen. Schafft man diesen ab, fürchten die Menschen, ihre Identität und gemeinsame Kultur zu verlieren.</p>
<p>Europa &#8211; Schweiz der Welt</p>
<p>Kein identitätsstiftendes Epos	Wir haben in Europa kein großes identitätsstiftendes Epos, keine gemeinsame Erzählung, die die über 500 Millionen Menschen der Europäischen Union in einer gemeinsamen Geschichte, in gemeinsamen Emotionen, in einem gemeinsamen Gründungsmythos vereint.</p>
<p>Beispiel Schweiz	Aber um gemeinschaftsstiftende Ideen zu erkennen, müssen wir uns nur in unserem europäischen Haus selbst umschauen.</p>
<p>Untergehen oder verschweizern	In seinem Roman „Justiz“ bringt Friedrich Dürrenmatt das Schicksal unseres Globus auf eine ebenso gewagte wie verblüffende Formel:</p>
<p>„Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern.“</p>
<p>Hans-Peter Schneider	Wie meint Dürrenmatt das? Dazu Hans-Peter Schneider, der große deutsche Staatsrechtslehrer und ehemalige Richter:</p>
<p>Vorbildliche Multikulturalität	&#8220;Was die Schweiz im Vergleich zu anderen Staaten und Völkern heraushebt, ist ihr Umgang mit Problemen der Verschiedenheit, ihre Suche nach Lösungen bei kulturellen, sprachlichen, religiösen oder ethnischen Konflikten, die von allen getragen werden können – kurz: die vorbildliche Bewältigung ihrer Multikulturalität &#8230;</p>
<p>Die sprachliche, kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt wird nicht als Bedrohung der eigenen Besonderheit, sondern als deren Ergänzung und Bereicherung empfunden&#8230;&#8221;</p>
<p>Wertegemeinschaft	Das Schweizer Volk verstehe sich in erster Linie als eine</p>
<p>&#8220;Wertegemeinschaft, die sich den politischen Grundprinzipien der Demokratie, des Rechtsstaats, des Föderalismus sowie nicht zuletzt dem Schutz der Menschenwürde und der Menschenrechte verpflichtet weiß &#8230;&#8221;</p>
<p>Direkte Demokratie	In der Schweiz sind Verfahren direkter Demokratie zu einer Art Markenzeichen dieser Demokratie geworden und haben weit reichende Auswirkungen auf das gesamte Regierungssystem.</p>
<p>Freiheitsdrang und Freiheitsliebe	Aufgrund historischer Erfahrungen und langer Fremdherrschaft gehören Freiheitsdrang und Freiheitsliebe zu den hervorstechenden Eigenschaften der Schweizer.</p>
<p>In der Verfassungswirklichkeit schlägt sich das darin nieder, dass in erster Linie die Gemeinden und die Kantone der Ort bürgerschaftlichen Engagements und der Ort persönlicher Beziehungen sind.</p>
<p>Die Gemeinden haben die Funktion einer Identität vermittelnden Einrichtung, und die Kantone spielen im föderalen Verfassungsgefüge eine weitaus größere Rolle als die Länder in Deutschland und wohl auch als die Gebietskörperschaften in den meisten anderen Bundesstaaten dieser Welt.</p>
<p>Europa als Eidgenossenschaft	Europa &#8211; die Schweiz der Welt?</p>
<p>•	Das Megalopolisch-Unsympathische der EU löste ein solcher Vorschlag jedenfalls sofort auf.</p>
<p>•	Ebenso positiv wäre die Vorstellung von Europa als Eidgenossenschaft.</p>
<p>•	Auch die Pflege von Vielsprachfähigkeit könnte Brüssel von Bern gut lernen.</p>
<p>•	Ebenfalls die Achtung vor kantonaler Selbstbestimmung und staatsbürgerlichem Stolz.</p>
<p>•	Vor allem der unbedingte Respekt vor dem Volkswillen und die Balance von globaler Einbindung und örtlicher Autarkie.</p>
<p>•	Und dass es nicht auf die Größe eines Territoriums ankommt, sondern auf das, was man damit macht.</p>
<p>•</p>
<p>Vision der Staatlichkeit für Europa	Aus diesem Beispiel eine Vision der Staatlichkeit für Europa zu schaffen, wäre eine Leistung, die der hohen Meinung gerecht wird, die Ortega y Gasset vor 62 Jahren in München, am Ende seines Vortrags, der europäischen Kultur zuerkannt hat:</p>
<p>&#8220;Ihr Ruhm und ihre Kraft bestehen darin, dass sie stets bereit ist, über das, was sie war, hinauszugreifen, immer über sich selbst hinauszuwachsen. Die europäische Kultur ist eine immer fortdauernde Schöpfung.&#8221;</p>
<p>Wagen wir also diesen Versuch!</p>
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		<title>Schuld und Sühne zwischen Freiheit und Determinismus</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Apr 2010 07:45:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gkuehnle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik/Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Setzt Verantwortung für Schuld Selbstbestimmung voraus?
Für Immanuel Kant stand fest, daß jener, der im Sinne von Max Scheler über Vollsinnigkeit verfügt auch die Wahlfreiheit zwischen Handlungsalternativen besitzt und diese autonom ausüben kann. Das Problem liegt in der tieferen Bedeutung dessen, was wir unter Vollsinnigkeit einerseits (Scheler) und Vernunft andererseits (sensu Kant)  begreifen. Die aktuellen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4 style="text-align: center;">Setzt Verantwortung für Schuld Selbstbestimmung voraus?</h4>
<p style="text-align: left;">Für <strong>Immanuel Kant</strong> stand fest, daß jener, der im Sinne von <strong>Max Scheler</strong> über Vollsinnigkeit verfügt auch die Wahlfreiheit zwischen Handlungsalternativen besitzt und diese autonom ausüben kann. Das Problem liegt in der tieferen Bedeutung dessen, was wir unter Vollsinnigkeit einerseits (Scheler) und Vernunft andererseits (sensu Kant)  begreifen. Die aktuellen und teilweise als brisant wahrgenommenen Ergebnisse in der Hirnforschung, auf dem Felde der Neurowissenschaften allgemein, der Genetik und Hormonforschung  scheinen für manchen Betrachter so etwas wie eine kopernikanische Wende auf dem Gebiete von Zurechnungsfähigkeit und Schuldfähigkeit des Individuums evoziert zu haben: <strong>Wenn mein freier Wille eine Illusion über eine Wahlfreiheit bei Alternativen ist, dann gibt es eben keine Alternative, sondern bloß Determiniertheit. </strong>Es scheint jedenfalls mit empirischen Beleg festzustehen, daß ein Handeln bzw. Entscheiden schon kurz vor unserem mentalen Zugriff auf die Szene festgelegt ist. Bevor also der freie Wille sein Geschäft betreibt ist offenbar auf neuronalem Schleichweg schon die invisble hand aus dem emotionalen Cortex oder dem limbischen System dirigistisch in unsere &#8220;Autonomie&#8221; hinein geschlichen.</p>
<p style="text-align: left;">Das  humane Leben, als Prozeßcharakter begriffen, ist im Sinne von <strong>José Ortega y Gasset</strong> ein Drama, ein sozusagen fortwährend nach vorn in die Zukunft drängendes, stürmendes biotisches Etwas in dem  die Vernunft als selbstreferentielles System zwischen Organismus und Geistsphäre (Wir-Sphäre)  eine Art Regulativ zwischen Triebstruktur und Realitätsprinzip bildet. Folgt man Ortegas Diktum: <em>Der Mensch hat keine Natur, er hat Geschich</em>te, dann wurde auch dem &#8220;späten Ortega&#8221; klar, daß man die Geschichte des Menschen nur erzählen kann, wenn man vorher schon weiß, wer er ist. Das bedeutet: Man muß die Natur der Natur des Menschen zuallererst kennen, um die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung seiner Geschichte zu konstituieren. Hier folgt der reife Ortega Plessners Anthropologie und ermöglicht damit seinem philosophischen Denken Überzeitlichkeit. Denn unter der Prämisse dieses Konzepts einer Selbstauslegung des Menschen können die erwähnten Erkenntnisse der Neurowissenschaften ohne weiteres interpretativen Eingang finden. Ein entsprechendes Interpretationskonstrukt (der Begriff ist im Sinne von Franz von Kutschera anzuwenden!) des hypothetischen heutigen Ortega würde in relevanter Frage dann wohl in folgendem Rahmen in Erscheinung treten können.</p>
<p style="text-align: left;"> </p>
<p style="text-align: center;">DAS PRINZIP DES ANDERS KÖNNENS</p>
<p style="text-align: left;">Sind wir determiniert und trotzdem frei? Lässt sich aus dem berühmten LIBET-EXPERIMENT  folgern, daß Willensfreiheit eine Illusion ist? Das Prinzip des anders Könnens ist, so scheint es, ein unverzichtbares Kriterium für freie Willenshandlungen. Fragwürdig erscheint deshalb auch die kompatibilistische Sichtweise mit dem Verzicht auf dieses Prinzip. Sie erweckt nicht den Eindruck von Willensfreiheit, sondern klingt nach einer Theorie des unfreien Willens, die dennoch die Anwesenheit von Schuld und Verantwortlichkeit nicht preisgibt. Nicht Freiheit sui generis ist der entscheidende Punkt, sondern Verantwortlichkeit und Schuld! Beide Bezugsgrößen müssen eben nicht an Freiheit gebunden sein, wie dies traditionell gesehen wird.</p>
<p style="text-align: left;"> </p>
<p style="text-align: center;">SELBSTBESTIMUNG  BRAUCHT  KEINE  FREIHEIT</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Fest steht: Determinismus und freier Wille sind (</strong> einstweilen?) <strong>nicht zu versöhnen</strong>! Das Prinzip der Urheberschaft und Autonomie einer Person, eingebunden in das Konzept der Selbstbestimmung reicht aus, um Individuen für ihre Taten zur Rechnenschaft zu ziehen. Darüber hinaus bedarf Selbstbestimmung nicht der Freiheit, die bekanntlich ohnehin physikalisch nicht möglich ist. Einigermaßen unsinnig ist die Rede vom Determinismus als &#8220;Sklave-des-Gehirns-Sein&#8221; bzw. das Letztere als Definition des ersteren. Selbstbestimmung ist trotz Determinismus möglich: Man beweise mir das Gegenteil. Der freie Wille ist folglich auch nicht notwendige Voraussetzung, um Verantwortung basierend auf Schuld zu fordern. <strong>Determinismus und Verantwortung sind aber zu versöhnen! </strong>Wir sind selbst dann, wenn wir keinen freien Willen haben nicht Marionetten unserer Gehirne. Wir besitzen Wahlmöglichkeit (wenngleich auch nicht frei). Wie ist das zu denken?</p>
<p style="text-align: left;">Sollen gewünschte Ergebnisse erzielt werden, dann  sind bewußte Anstrengungen und Denken gefordert, um Verantwortung für gewünschte Ergebnisse übernehmen zu können. Denn unser Denken und unsere Anstrengungen sind Teil der Entscheidungsfindung bzw. entsprechender Handlungen. Auch diese Sicht des hiernach unfreien Willens basierend auf Selbstbestimmung gestattet jedenfalls eine Diskriminierung zwischen &#8220;freiem&#8221; und &#8220;unfreiem&#8221; Handeln aufgrund der Prinzipien der Urheberschaft und Autonomie, um im Ergebnis Verantwortlichkeit zuzuweisen oder eben auch nicht.</p>
<p style="text-align: left;"> </p>
<p style="text-align: center;">KÜNSTLICHE  TRENNUNG IN KRITISCHEM LICHTE</p>
<p style="text-align: left;">Im Denk- bzw. Nachdenkprozeß über uns selbst erscheint das eigene Ich als eine Art innerer Beweger, der Gedanken und Handlungen steuert. Die Hirnforschung setzt neuronale Netzwerke an die Stelle dieses Homunkulus. Dürfen wir Geistiges (wie Freiheit) und Körperlich-Materielles (wie Hirnzustände) als getrennte Substanzen betrachten? Hilft da Ortegas Definition für Person: &#8220;Ich bin ich und meine Lebensumstände&#8221; weiter, wenn das Handeln aus diesem Aspekt durch Erlebensepisoden (Retentionskette sensu  Edmund Husserl), durch vergangene Erfahrungen und Urteile determiniert wird? Wir räumen in apodiktischer Gewißheit aufgrund empirisch gewonnenenWissens der Hirnforschung dem Nicht- bzw. Unbewußten jenen Platz ein, der ihm offensichtlich zukommt, wenn wir diese künstliche Trennung von Geistsphäre und seiner materiellen Basis aufgeben, wenn wir uns selbst mit unserer Hirntätigkeit identifizieren, weil wir jetzt wissen, daß das Gehirn neuronal zwischen selbst und fremd unterscheidet. Unter dieser Prämisse verstehen wir uns als dynamische, hoch distributive Systeme, die Regeln lernen und Verantwortung übernehmen können, deren Wille bzw. Motivation jedoch von vielen Einflüssen bestimmt wird, von inneren und äußeren.  Berücksichtigen wir obendrein  den quantenmechanischen Zufall, dann sind apriorische Erfahrungen und Überzeugungen selbst wiederum das Ergebnis determinierender Prozesse.</p>
<p style="text-align: left;">Handelt ein Mensch, sic stantibus rebus, aus schicksalhaften Vorgegebenheiten und kann er, wie gezeigt worden ist, gar nicht anders handeln, als er tatsächlich handelt, dann ist er in logischer und materieller Konsequenz nicht mehr der wirkliche Urheber seiner Handlungen, sondern nur ein Glied in einer unüberschaubaren Kette von Episoden, Ursachen und Zufällen. In einem solchen Falle könnte dem Individuum im philosophisch-moralischen Sinne sein  Handeln nicht &#8220;schuldhaft&#8221; zugerechnet werden. Daraus folgt für die Gesellschaft das Problem: Wie sollen wir damit umgehen, in der zwischenmenschlichen Beziehung ebenso wie im Strafrecht? Die eingangs dargebotene Sichtweise und das  hierzu gefundene Interpretationskonstrukt im Spannungsfeld von Selbstbestimmung, Urheberschaft und Autonomie könnte ein Meilenstein auf dem Weg zur Problemlösung sein.</p>
<p style="text-align: left;"> </p>
<h4 style="text-align: center;">Emergenz und emergente Eigenschaften des Gehirns</h4>
<p style="text-align: left;">Wie entsteht Bewußtsein? Redaktionisten wollen das Bewußtsein aus den Einzelteilen des Gehirns heraus erklären. Auf die Psycho aber lassen sich von dieser Mikroebene keine Votaussagen deduzieren. Die Fähigkeit, alles auf einfache fundamentale Gesetze zurückzuführen, impliziert nicht die Möglichkeit, von diesen Gesetzen ausgehend das Universum zu rekonstruieren. Ihre Relevanz für Probleme der Wissenschaft und erst recht für gesellschaftliche Fragen verliert die Elementarteilchenphysik zunehmend dann, je mehr sie über das Wesen der grundlegenden Naturgesetze verrät: Das ist ein Faktum auf der Ebene von Kultur! Noch immer widersetzen sich viele Neurowissenschaftler der Einsicht in einen Mechanismus der Natur,  durch den die Natur der Natur des Menschen, nämlich Kultur überhaupt erst denkbar ist:</p>
<p style="text-align: left;"><strong> Die Emergenz als Interpretationsknstrukt für Freiheit und Verantwotung, Verantwortlichkeit und Autonomie.</strong></p>
<p style="text-align: center;"><strong></strong> </p>
<h4 style="text-align: center;">Was bedeutet Emergenz ?</h4>
<p style="text-align: left;"><strong>Emergenz </strong>war die Hauptthese schon in der dialektischen Naturphilosophie  bei <strong>Schelling, Hegel</strong> und anderen. <strong>John Locke</strong> äußert sich so: &#8221; Der Wille ist in Wahrheit nichts als die Macht oder Fähigkeit, etwas votzuziehen oder auszuwählen. Und wenn der Wille gleichsam als Fähigkeit betrachtet und nur als Möglichkeit einer Tat gesehen wird, so wird sich die Absurdität, die darin liegt, ihn als frei oder nicht frei zu bezeichnen, rasch genug zeigen.&#8221;</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Mit Emergenz bezeichnet man </strong>das Hervortreten,das  plötzlich und irreduzibel auftretende Erscheinen neuer Strukturen bzw. neuer Eigenschaften wie z.B. Geist, die in einem System aus dem Zusammenspiel seiner Elemente spontan erwachsen und die sich nicht direkt aus den Eigenschaften der Elemente ableiten lassen. Neurowissenschaftler und Philosophen jüngerer Generation der Wissenschaft, Hirnforscher und Psychologen wie z.B. <strong>Michael Gazzaniga</strong> (University of California in Santa Barbara)  vermuten darin den Schlüssel zu unserem Bewußtsein, zum selbstbewußten ICH. Der Physik-Nobelpreisträger 1998,  <strong>Robert Laughlin</strong>, spricht mit Emergenz ein nach seiner Auffassung neues Weltbild an, wenn er sagt: &#8221; Was wir hier sehen ist eine neue Weltsicht, bei der das Ziel, die Natur durch Zerlegung in immer kleinere Teile verstehen zu wollen, durch das Ziel ersetzt wird, verstehen zu wollen, wie die Natur sich selbst organisiert.&#8221;</p>
<p style="text-align: left;">Die Emergenz ist also kein Gespenst, wie es mit dem Begriff der <strong>Fulguration einst von Konrad Lorenz</strong> zur Frage: Wie kommt der Geist in die Welt, auf unser Verstehen angesetzt wurde.  Emergenz bezeichnet als Interpretationskonstrukt den Übergang von einer Organisationsebene auf eine andere. Für <strong>Immanuel Kant</strong> war dieser Übergang, ausgedrückt in seiner Anthropologie, auch ohne das heutige exorbitante Wissen zu Struktur und Funktion unserer  Geist verbundenen, zur vielfältigen Interaktion durch Wechselwirkung mit der  neuronalen Basis bereiten Heuristik  die Höherstufung geistiger Qualitäten aus <strong>Verstand</strong> (mit Tieren gemeinsam), <strong>Urteilskraft</strong> und <strong>Vernunft </strong>(reine Metaphysik). Nachdem Kant mit der dogmatischen Metaphysik seiner Zeit gründlich aufgeräumt hatte, stellte er in der <strong>Kritik der</strong> <strong>reinen Vernunft</strong> die Frage: &#8220;Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?&#8221; Jener, für den Kants Denken ziemlich ungewohnt ist, der könnte vermuten, Kant beschäftige sich mit Epiphänomenen des Geistes (vgl. aktuelle Epiphänomenalismusdebatte von heute). Tatsächlich aber zweifel Kant nicht an dem <strong>Faktum Metaphysik</strong>, denn er fragt nicht: <strong>Ist M.als Wissenshaft</strong> möglich, sondern seine Frage lautet:<strong> Wie ist M. als Wissenschaft</strong> möglich. Kant setzt M. also als Faktum voraus und  er begriff ihre Herkunft (Vernunft) als emergente Eigenschaft des Geistes.</p>
<p style="text-align: left;">Für <strong>José Ortega y Gasset</strong> deuteten zwei dieser neuen  emergenten Eigenschaften, die dem Urmenschen noch nicht eigen waren, einen Sprung in der Kulturevolution an:  <strong>Freiheit und Verantworrtlichkeit</strong>. Diese Entitäten finden sich eben nicht auf der Organisationsebene eines einzelnen Gehirns, sondern wir treffen sie im Raum zwischen  Gehirnen, in den Wechselwirkungen der Menschen untereinnader an. Ein insoweit interessantes Experimentierfeld ist die Semantik, die Kommunikation via Sprechen und Verstehen. In seiner Abhandlung<strong> über die Liebe</strong>  deutet Ortega zum Wesen der typisch spanischen Frau an, auf welche Weise sich <strong>Determiniertheit</strong> sogar in einem  geschlechtsspezifischen Menschentypus zeigt, indem dieser &#8220;<strong>erschreckende Lichter in die verborgenen Höhlen der iberischen Seelen werfen</strong>&#8220; kann. Denn im moralischen Profil der spanischen Frau sei &#8220;<strong>die Bildnerarbeit unserer ganzen Geschichte aufbewahrt wie die Hammerschläge des Künstlers im Relief eines Pokals.&#8221;</strong>   Neurowissenschaftler, Genetiker und Hormonforscher würden nicht wie Ortega in einer solch großartig metaphernreichen Sprache und der ihm eigenen blendenden  Stilistik  dasselbe ausdrücken, wenn sie von phylogenetischen Anlagen zu berichten hätten, sondern sie würden mit ganz anderen Konnotationen  von Genen, Allelen und vielleicht auch vom limbischen System, dem emotionalen Kortex und von Sexualinstinkten sprechen. Ortega hat allerdings vergessen  zu zeigen, daß eben dieser hypersexuell determinierte  weibliche Typus trotz seines triebbelasteten moralischen Profils unter Lenkung und Leitung durch Vernunft den Trieben und Leidenschaften nicht nur gegenüber stehen und sie so im Zaume halten, sonder auch von ihnen unabhängig sein kann: Und eben das ist eine Leistung der Freiheit, der Autonomie des Menschen, ein kategorialer Unterschied zum Tier. Wir dürfen zwar, wir müssen aber nicht auf sexuelle Reize reagieren wie der Hund auf die Wurst. Wenn wir in einer geschlechtlichen Partnerschaft Verantwortung für das seelische Wohlergehen eines anderen Menschen haben, dann ist bei exogenen sexuellen Neureizen Treue Ausdruck nicht nur von Liebe, sondern auch von Freiheit, von Autonomie. Da die echte Geschlechtsliebe in übereinstimmender Bekundung von Max Scheler und José Ortega y Gasset soetwas wie eine Himmelsmacht, also ein gewissermaßen metaphysisch-kosmisches Gefühl ist, kann nach meiner Überzeugung diesem Niveau der <strong>sinnlich-übersinnlichen Liebe das Prädiakt emergente Eigenschaft</strong> zukommen. Diese Form der Liebe ist bei Tieren nicht zu verorten, im Ganzen aber  keineswegs etwas Neues: Denn schon Paganini schmilzt in seinem erotischen Gefühl im Ausdruck einer Operette mit den Worten dahin: <strong>Hab ich</strong> <strong>nur deine Liebe, die Treue brauch ist nicht. Die Liebe ist die Knospe nur, aus der die Treue bricht. </strong>Ein wunderschönes Bild! Ich bin mir dessen sicher, daß die Operette bzw. Paganini im Hochgefühl dieses Aktes keine Überlegungen zur Emergenz angestellt haben: Aber sie haben diese am Beispiel einzigartig beschrieben.</p>
<p style="text-align: left;"> </p>
<p style="text-align: left;"> </p>
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		<title>Lebensform und Leitkultur</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 18:03:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>gkuehnle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik/Gesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[DIE KULTUR DER FREIHEIT
Mit Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Felder pflegen wir  gewöhnlich die jeweiligen Positionen nach Welt- und Menschenbilder distributiv wahrzunehmen. Die Grobrasterung erfolgt dabei meistens in konservativ, liberal und links. Mit sozio-politisch prädikativen  Klischees dieser Art zielen wir auf subjektive wie kollektive Mentalität bzw. auf politische Konzepte. Intellektuell geht wie es scheint, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4 style="text-align: center;">DIE KULTUR DER FREIHEIT</h4>
<p>Mit Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Felder pflegen wir  gewöhnlich die jeweiligen Positionen nach Welt- und Menschenbilder distributiv wahrzunehmen. Die Grobrasterung erfolgt dabei meistens in konservativ, liberal und links. Mit sozio-politisch prädikativen  Klischees dieser Art zielen wir auf subjektive wie kollektive Mentalität bzw. auf politische Konzepte. Intellektuell geht wie es scheint, gern mit links bzw. links-liberal zusammen und will damit vor allem als fortschrittlich, unabhängig und aufgeklärt wahrgenommen werden. Dabei wird der geistige Anspruch z.B. von Liberalität als Ausdruck der Freiheit auffallend häufig von bürgerlichen wie akademischen Mittel und Unterschichten via Libertinage und einer häufig indifferenten Einstellung zu den so genannten Kardinaltugenden (bzw. Grundwerten)  nach dem Vorbild der achtundsechziger Revolte missverstanden.  Die Werterelativität favorisiert leicht eine subjektive Wertepräferenz, die zu gesellschaftlichen Irritationen führen kann, wenn man sie universell reklamiert oder absolut setzt.</p>
<p><strong>Max Scheler</strong> weist wohl zutreffend darauf hin, daß sich nicht die Werte (wie z.B. Leben, Freiheit, Menschenwürde) ändern, sondern das Wertefühlen des Menschen ändert sich manchmal als Tribut an den Zeitgeist oder aus dem Aspekt eines sich verändernden Welt- und Menschenbildes (in: Vom Umsturz der Werte). Scheler entwickelte eine Wertepyramide, die kollektive Verzugswerte als verbindlich herausarbeitet  und subjektive, egoistische Wertpräferenzen (&#8220;das Leben ist der Werte höchster nicht&#8221;) in einem allgemeinen Wertekanon hintanstellt. Ob kollektiv respektierte Werte universelle Geltung erlangen können, das hängt von ihrer allgemeinen und dauerhaften Akzeptanz und dem konkreten Wertefühlen in der jeweiligen Gesellschaft bzw. Kultur ab. Am Beispiel von Liberalismus und Konservatismus kann gezeigt werden, welche Grundeinstellungen bei der Anerkennung einer Werterangordnung eine Rolle spielen.</p>
<p><strong>Liberalität und Konservatismus</strong><strong> </strong></p>
<p> Bei einstweiligem Verzicht auf die Berücksichtigung der linken Position, des linken Weltbildes, sollen liberale und konservative Einstellungen und Werthaltungen in Absicht einer europolitischen Orientierung am Beispiel des herausragenden liberalen Denkers <strong><em>José Ortega y Gasset</em></strong>  in ihren Grundaussagen und Grundphänomenen der Lebenswelt  auf ihre gesellschaftliche und politische Gebrauchstüchtigkeit hin untersucht bzw. miteinander verglichen werden. Das hier verwendete Medium (Internet) gestattet allerdings  bloß Schlaglichter auf das Universum relevanten Denkens. Der Nobelpreisträger und Vertreter des evolutionären Liberalismus, <strong><em>Friedrich August von Hayek,</em></strong> Bewunderer und in nicht geringem Maße kongenialer  Epigon von Ortega , wird dabei als Ideengeber des modernen Liberalismus mit einigen zentralen Aussagen und Urteilssätzen seiner Abhandlung : <em><strong>Die Verfassung der Freiheit</strong></em>, näher in den Blick genommen. </p>
<p>Der Liberale übersteigt die konservative Haltung bzw. Einstellung, aber er kommt nicht ohne sie aus. Der eigentliche Konservatismus ist eine legitime, wahrscheinlich notwendige und sicherlich weit verbreitete gegnerische Einstellung zu starken Veränderungen, meint Hayek. Das Wesentliche des Liberalismus dagegen sei, dass er nicht stillstehen, sondern in anderer Richtung fortschreiten will. Ein Grundzug der konservativen Einstellung ist die Furcht vor Veränderungen, ängstliches Misstrauen gegen das Neue als solches, während der Standpunkt des Liberalen auf Mut und Zuversicht, auf der Bereitschaft beruht, auch nicht sicher kalkulierbaren Veränderungen ihren Lauf zu lassen.</p>
<p>Der Liberale vertraut auf die selbstregelnden Kräfte des Marktes. Wesenszug des Konservativen ist seine Vorliebe für Autorität. Er fühlt sich nur sicher und zufrieden, wenn er Veränderungen einer höheren Weisheit anvertraut sieht, die möglichst in Form einer Institution über den Verlauf wacht und alles in Ordnung hält. Der Konservative ist ein Mensch vom guten Schlage. Moralische Überzeugungen, die er oft absolut setzt, sind für ihn typisch. Er verteidigt eine bestimmte etablierte Rangordnung. Konservative neigen vor allem im Falle der Landwirtschaft zum Protektionismus. Sie nehmen häufig Zuflucht zum Mystizismus und vertrauen sich leicht dort, wo ihr Verstand versagt, übernatürlichen Erkenntnisquellen an.</p>
<p>In diesem Bereich unterscheidet sich der Liberale vom Konservativen dadurch, dass- so tief seine eigenen spirituellen Überzeugungen auch sein mögen- er sich nie für berechtigt betrachten wird, diese anderen Menschen aufzudrängen. Er ist überzeugt, dass das Ewige und das Zeitliche unterschiedliche Sphären sind, die auseinander gehalten werden sollten. Deshalb ist der Liberale weder im christlichen noch islamischen Fundamentalismus anzutreffen.</p>
<p><strong>Fazit:</strong> Der Konservatismus erscheint zweifellos als nützliche praktische, aber auch theoretische Maxime, aber er bietet uns für sich allein keine leitenden Grundsätze, die langfristige Entwicklungen beeinflussen können, so Friedrich A. von Hayek. Ein liberaler Freiheitsbegriff vermag im Sinne eines unmittelbar staatsabhängig machenden Denkens keinen Halt zu finden. Jede Reglementierung durch die politische Macht reduziere die Freiheit. Nicht das gute selbstbestimmte Leben der Bürger im Gestaltungsrahmen eines politischen Herrschaftssystems sei die liberale Leitidee, sondern gerade die Abwesenheit staatlicher Beschränkungen, damit sich die Bürger insgesamt nach eigenen Plänen, sowohl mit allen Lebensrisiken dieser Ordnung, als auch mit ihren Erfolgschancen entwickeln können.</p>
<p><strong>Liberalismus im Verständnis von  José Ortega y Gasset</strong> </p>
<p>Vor hundert Jahren bezeichnete sich Ortega als „Theoretiker des Liberalismus“ (GW, Bd.V) und definiert die Bezugsebenen  der liberalen Ausdrucksformen: „Der Liberalismus zeigt an, wohin der Weg führt, die liberale Partei sucht und verkündet den Weg.(…) Die jungen Leute begeistern und schlagen sich nur für Ideen, die so jung und schmuck sind, dass sie sich mit ihnen verloben können.“ Mit Verve appeliert Ortega an den politischen Liberalismus, aus den Grenzen des Opportunitätsprinzips auszubrechen  und sich in höheren Formen soziopolitischer Verantwortung zu verorten.</p>
<p>„Und der Liberalismus, soll er nicht in einer vagen Toleranzdoktrin verschwimmen, muß sich dafür entscheiden, die Politik dem bloßen Nützlichkeitsbereich zu entreißen und seinen Kiel nach der Atlantis der moralischen Pflichten, der sozialen Tugenden zu richten. Ich glaube, es gibt auf Erden keine Mission, die so vollkommen und glorreich ist; (a.a.O) Mit diesem Beitrag von 1908 perhorresziert Ortega die Bezugsgrößen „Elite“ und „Masse“, die er etwa 20 Jahre danach in:  <em>Der Aufstand der Massen </em>als ein Charakteristikum menschlicher Persönlichkeit näher definiert, das idealiter (und nicht etwa als soziales Kriterium) in allen sozialen Schichten in Erscheinung tritt, Werthaltungen zum Ausdruck bringt  und eine Persönlichkeitsbeurteilung  aus dem Aspekt von Humanität, Moralität und Sozialität gestattet.</p>
<p>„Liberalismus nenne ich jenes politische Denken, das die Verwirklichung des sittlichen Ideals dem voranstellt, was der Nutzen eines Teils der menschlichen Gesellschaft verlangt, sei dieser eine Kaste, eine Klasse oder eine Nation. Das konservative Leistungsprinzip dagegen will von idealen Forderungen nichts wissen, leugnet ihren ethischen Wert (…).“</p>
<p>Es ist ein bestimmter Menschentypus, den Ortega, ähnlich wie Churchill, als erklärter Verteidiger der „liberalen Demokratie“ für den repräsentativen Europäer der Zukunft in einem vereinten Europa von Nationalstaaten als dessen „Adel“, als ein moralisches Ideal  und Persönlichkeitsmerkmal fordert. Politische, gesellschaftliche oder ökonomische Eliten seien „sittlichen Normen“ in einem „schöpferischen Leben mit streng hygienischer Lebensweise, mit hoher Zucht und fortwährenden Reizen, die das Gefühl der Würde anfeuern“ unterworfen. </p>
<p><strong>Wer überhaupt strebt in der Finanzwelt nach Ordnung und Gesetz?</strong> </p>
<p>Offenbar waren die verantwortlichen Akteure des jüngsten Chaos der Weltfinanzkrise von grundlegend  anderen Persönlichkeitsmerkmalen geprägt! Oswald Spengler nennt ( in: Der Untergang des Abendlandes) den Charaktertypus  solcher dissozialen und häufig kriminell agierenden  Leitfiguren im orbitalen Finanzwesen unserer jüngsten Vergangenheit  „<em>Tersistesnaturen</em>“. Heute ist die Fassungslosigkeit in der  politischen Realität weltweit über solche fast schon als metaphysisch generiert erscheinenden Prozesse groß. Der Ruf nach sittlichen Führungspersönlichkeiten erschallt wohl deshalb so laut, weil es sie nahezu nicht gibt. In, wie es scheint, hilfloser Ahnungslosigkeit von den faktischen Entitäten der menschlichen Natur bringt die Legislative Kontrollmechanismen ohne Sanktionsmechanismus auf den Weg und hofft damit auf bessere Zeiten. Besser wäre es, wie es scheint, Ortegas Postulate in soziopolitischer europäischer Absicht nach liberalem Geist ebenso zu bedenken wie das moralphilosophische Fazit von <strong>Arthur Schopenhauer</strong>, der menschliche Jagdschemata aus phylogenetischer Urzeit  als egoistisch geprägte Strategie der biotischen Evolution in uns verortet hat. Gegen die ungezähmte  Dominanz des Egoismus und der Triebe (z.B. die Macht. Slogan: Macht macht schlecht, absolute Macht mach absolut schlecht.) habe Moral keine Chance, es sei denn: „Befohlen muss sie sein“.</p>
<p>Hat der konkrete Gesetzgeber  in Deutschland aktuell diese bewährte Einsicht vergessen oder wird den Leitfiguren der Finanz- und Wirtschaftswelt vielleicht die idealtypisch edle Gesinnung (heutige Wortwahl: Mentalität) der Klassik im Sinne von  <strong>Johann Wolfgang von Goethe</strong> unterstellt: “ Nach seinen Sinnen leben ist gemein. Der Edle strebt nach Ordnung und Gesetz“ ?</p>
<p><strong>Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir?</strong><strong> </strong></p>
<p>Die geistigen Wurzeln der Bundesrepublik Deutschland scheinen im Einerlei von Überzeugungen, Weltbildern und Werthaltungen zu verschwimmen. Soll man die ideologische Depolarisierung bedauern, die im politischen wie gesellschaftlichen Diskurs eine Unbestimmbarkeit der Denkhorizonte nach sich zieht, so dass keiner mehr weiß, woran er ist? Früher hat es einmal einen Unterschied gemacht, ob jemand links, liberal oder konservativ war.</p>
<p>Die folgenschweren Aufgaben und Entscheidungen, die Problemlösungen der Politik erfordern offenbar weit mehr als einen ideologiefreien Sachverstand, vom Prinzip Verantwortung getragen. Eine Erneuerung des Humanismus nach dem Vorbild der von <strong>José Ortega y Gasset</strong> vermittelten Sichtweisen erscheint mir eine hierzu unabdingbare Bezugsgröße zu sein. Das Gesamtwohl der europäischen Gesellschaft im Fokus des kollektiven Interesses kann nicht ohne das  Wohl des Menschen überhaupt in den Blick genommen werden, wenn zwischen Fortschritt und Scheitern zu wählen wäre.. Das Prinzip von l`ordre du coeur im Sinne von Blaise Pascal in Verschränkung mit Ortegas Prinzip de l`ordre d `esprit  als eine Verpflichtung für Humanität, Gerechtigkeit und Wohlstand der Nationen  kann vielleicht politisches Denken und Entscheiden auf einen Weg bringen, der alle berücksichtigungsfähigen Interessen zu harmonisieren vermag. Wir dürfen deshalb Ortegas Diktum zustimmen: „<em>Ordnung ist kein Druck ,den man von außen her auf die Gesellschaft ausübt, Ordnung ist Gleichgewicht, das in ihrem Inneren hergestellt wird.“</em><em> </em></p>
<p><em> </em></p>
<p><strong>Das konservative, liberale und linke Profil</strong><strong> </strong> </p>
<p>Die Idee der konservativen Position:</p>
<p>Die Geschichte gibt den roten Faden vor. Institutionen(Recht, Sitte, Moral) schaffen positive Entlastung im anstrengenden Leben der Menschen.</p>
<p>Wirtschaftstheorie: Glaube und Vertrauen an/auf die Machbarkeit der sozialen Welt hat getrogen. Der Wohlfahrtsstaat ist nicht die Lösung, sondern das Problem.</p>
<p>Die Idee der liberalen Position :  </p>
<p> Freiheit bedarf des Schutzes. Pflicht des Staates ist es, einen dauerhaften Ordnungsrahmen zu schaffen, in dem freie Menschen ohne Furcht vor erdrückender wirtschaftlicher und politischer Macht leben können. Wirtschaftstheorie: Die Marktwirtschaft ist gut, solange es gelingt, den Wettbewerb zu sichern.</p>
<p>Die Idee der linken Position:                </p>
<p>Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Allerdings können die Paradoxien der kapitalistischen Moderne wenigstens analysiert und verstanden werden. Theorie der Wirtschaft: Der Wohlfahrtstaat bezähmt den Kapitalismus und kompensiert die Entfremdung. Das geht zu Lasten der Revolution.</p>
<p>Konservative Überzeugung drückt sich im Slogan aus: Zukunft braucht Herkunft. Man kann keine Früchte von einem Baum erwarten, dem man die Wurzeln abschneidet. Das Konzept  wurzelt vor allem im Münsteraner Kreis mit  Bezugsgrößen wie Ritter, Marquard, Lübbe, Spaemann.</p>
<p><strong>Liberale Überzeugungen jüngerer Zeit entstammen der Denkfabrik der  Freiburger Liberalen mit dem nach Walter Eucken benannten Institut. Mit einer Forderung nach einem starken Staat unterschied sich die Freiburger Schule vom klassischen Liberalismus. Repräsentanten und Propagandisten waren auch Ludwig Erhard und Böhm. Einer der  Kerngedanken war die privatwirtschaftlich organisierte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Freiheit und Markwirtschaft zu sichern vermag. Daher die Bezeichnung Ordoliberalismus</strong>.</p>
<p>Die Linken gründen ihre Sichtweisen und Grundüberzeugungen auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, deren herausragender Vertreter heute Jürgen Habermas ist. Linke haben mit den Liberalen die Skepsis, ja die Aversion gegen die Kompensation des sozialstaatlichen Ausgleichs gemeinsam. Grund: Es ist der Wohlfahrtsstaat, der erst die Ellenbogengesellschaft hervorbringt, die er eigentlich bezähmen wollte.</p>
<p>Wir sehen: Die Ideen der jüngeren deutschen Politik kommen bei näherer Betrachtung aus der Provinz, aus Münster, Freiburg bzw. Frankfurt. Von dort prägten im Nachkriegsdeutschland Liberale, Linke und Konservative die intellektuelle Landkarte. Sie haben sich allesamt mit Kapitalismus und Marktwirtschaft abgefunden und jeweils jeder auf seine Weise. Und heute? Die Ideen, Gedanken und gesellschaftlichen wie politischen Konzepte aus erwähnten Schulen erscheinen uns wie Fragmente versunkenen Kulturgutes. Alles schwirrt ziemlich ungeordnet durch die Köpfe der Menschen und kaum noch jemand weiß genau, wohin es gehört. Ein Wunder, dass die Politiker quer durch die Parteien mal links, mal rechts, mal liberal argumentieren, ganz wie es ihnen gerade nützlich erscheint? Das Mixtum compositum  von Grundüberzeugungen aber darf uns im Innersten nicht irritieren. Der Blick auf die Grundfragen nach unserer Existenz in der Welt darf nicht verschleiert werden, wenn wir mit Immanuel Kant (was liegt den Dingen voraus und zu Grunde?)  danach streben zu wissen:</p>
<p> Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir?</p>
<p>Wer sich in den beschriebenen Horizonten als Denker quer durch die „Lager“ gefällt und die Tiefenschärfe von Logik und Wahrheit vernachlässigt,  den zählt José Ortega y Gasset zur Masse. Er macht so unausgesprochen  Kants Aufklärungspostulat  zum Bewertungsmaßstab: </p>
<p><em>„Wer sich angesichts irgend eines Problems mit den Gedanken zufrieden gibt, die er ohne  </em><em>weiteres in seinem Kopf vorfindet, gehört intellektuell zur Masse. Elite dagegen ist derjenige, </em><em>der gering schätzt, was ihm mühelos zufällt, und nur seiner würdig erachtet, was über ihm ist </em><em>und mit einem neuen Ansprung erreicht werden muß.“</em>(La rebellión de las massas, 1930, GW- Bd. III). </p>
<p><strong>Die Kultur der Freiheit als Lebensform</strong><strong> </strong></p>
<p>Die <strong>europäisch-abendländische Kultur</strong>, mit „<strong>westliche Kultur</strong>“ im neueren Sprachgebrauch bezeichnet, weil sie als Wertegemeinschaft über Europa hinaus Amerika und heute auch Japan, Australien, Israel mit einschließt<strong>, ist Leitkultur</strong> sui generis  in genannten Regionen wie <strong>der Islam</strong> beispielsweise in anderen Teilen der Erde die Leitkultur bildet. Leitkultur bedeutet nach traditionellem und allgemeinen Verständnis jene Kultur, die in einem Kulturraum massgeblich ist und allgemein anerkannt wird. An ihr richten sich in aller Regel das konkrete Recht, die Judikatur, politische und soziale Grundkonstituentien des Denkens, meistens auch das religiöse Bekenntnis, das Moralempfinden der Gesellschaft, ihre Überzeugungen und ihr Wertekanon aus. Sie ist Bedingungs- und Bestimmungselement der meisten Lebensformen der je konkreten Gesellschaft eines Kulturraumes.</p>
<p>Die kulturpessimistische Rede <strong>Oswald Spenglers</strong> vom Untergang der abendländischen  Leitkultur findet offenbar immer mehr Relevanz. Dies offenbar vor allem auf dem gesellschaftlichen, kulturellen und politischen  Feld in Deutschland. Ist in den TV-Medien, im politischen oder allgemein öffentlichen Diskurs das Wort Leitkultur zu vernehmen, scheinen die Gesichtszüge der Diskursteilnehmer zu veröden.Die Akteure  sind schleunigst bemüht, sich  ob der unvorsichtigen Lautäußerung eines ihrer Diskutanten beschämt zu zeigen. Schnell kommentiert man relativierend bezüglich der Konnotationen einen zentralen, gut operationalisierten Begriff  und greift zu Metaphern, um bloß nicht mit der Leitkulturvokabel  in vielleicht diskriminieren wollender Absicht in den Blick genommen zu werden.  Wie um Nachsicht bittend wird oft  erklärt, gemeint sei ja wohl unser Grundgesetz, also näher hin die Werte und Grundüberzeugungen, von denen keiner sodann konkret sagt, welche er meint, die Menschenwürde, die Freiheit und andere Bezugsgrößen werden zur Hilfe gerufen. Regionale oder gruppenspezifische Begleitphänomene, Schattierungen „Diversifizierungen“ oder „Tochtergebilde“ unserer Leitkultur, die als Subkulturen bisher ohne weiteres treffend so bezeichnet wurden, weil sie zur Leitkultur idealiter und praktisch in einem interdependenten  Beziehungssystem stehen ,  werden häufig genug mit  reichlich dümmlichen Bezeichnungen versehen, um bloß den Begriff <em><strong>Subkultur</strong></em> zu vermeiden. Woher stammt diese zwergenhafte Ängstlichkeit, dieses Unvermögen, sich zur eigenen Kultur zu bekennen und sich mit ihr als Leitkultur eines großen Kulturraumes zu identifizieren?  Ein typisch deutsches Phänomen der Unsicherheit und Ängstlichkeit in der eigenen Sache eigener Grundwerte und Überzeugungen?</p>
<p>Der Westen als Kulturraum ist keine geographische Verortung, sondern  eine Sammelbezeichnung für Nationen und Staaten, die ein vergleichbares Wertefundament besitzen auf dem sich ihr einander ähnlicher gesellschaftlicher Entwicklungsprozeß vollzieht.  Das westliche Wertesystem gründet sich auf der Prämisse individueller Freiheit und Organisation der Gesellschaft linear zur Eigenlogik formalisierter Sozialsysteme wie Recht und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. <strong>Prägend für das Menschenbild des Westens ist der die Neuzeit geistig begründende Humanismus</strong>  <strong>im Ausdruck der oberitalienischen Renaissance</strong>.  Dieser Grundüberzeugung gemäß wurde/wird der Mensch als Gottes Ebenbild sozusagen höheren Weihen zugeführt, wobei jedes Individuum in den exklusiven Rang des Schöpfers, zumindest seines eigenen Schicksals, aber damit auch der Welt überhaupt erhoben wird. Mit dem Humanismus dieser Gestalt  wurde die christliche Offenbarung für unsere Rechtsordnung (Verfassung) konstitutiv, die jedem Bürger die Menschenwürde deshalb attribuiert, weil er Mensch ist, weil er zur Spezies Homo sapiens sapiens zählt und nicht etwa, weil er sich als würdig erweist.  Der Mensch avancierte so  zu des Menschen höchster Instanz. Dieses nahezu absolut gesetzte Menschenbild wurde zum Grundstein der  westlichen Kultur heutiger Ausprägung.  Alle gesellschaftlichen Ordnungen und Institutionen verloren mit der &#8220;modernen&#8221; humanistischen Grundüberzeugung ihren früheren Absolutheitsanspruch.  Nahezu alle normativen Ableitungen unserer sozialen und Rechtsordnung gehen auf diesen Quellcode zurück.</p>
<p>Anders <strong>Immanuel Kant:</strong> Nur Vernunftwesen haben einen inneren Wert und eine Würde, Menschenwürde eben. Mit dieser Perspektive bekam bekanntlich der australische Philosoph <strong>Peter Singer</strong> in Deutschland  lebensbedrohliche Probleme. Christlich-fundamentalistische Gruppen standen/stehen im Verdacht, einen Anschlag auf das Leben des Philosophen organisiert zu haben, als er sich unterwegs nach Freiburg befand, um dort einen Vortrag darzubieten, in dem auch Menschen in den Blick genommen werden sollten, deren Leben unterhalb der biotisch-psychischen Existenz höherer Tiere verläuft. Peter Singer wurde gewart und brach seine Reise ab.</p>
<p><strong>Individuelle und kollektive Lebensform</strong><strong> </strong></p>
<p>Die Kultur der Freiheit als Lebensform nimmt Ortega aus dem Aspekt des Liberalismus näher in den Blick:</p>
<p><em>„Der Liberalismus ist das politische Rechtsprinzip, nach welchem die öffentliche Gewalt (…) eine Stelle für jene frei lässt, die anders denken und fühlen als sie, das heißt als die Starken, als die Majorität.“(</em>GW-Bd. III ,La rebellión….) </p>
<p>Ortega betrachtet ähnlich wie Kant den Menschen zur Bildung  in kultureller Absicht und zur Ausbildung der in ihm angelegten Eigenschaften verpflichtet. Ein Mensch dieser Prägung „sieht die Wege des Lebens in voller Klarheit vor sich.“ Ortega subsumiert Bildung und Aufklärung unter den Kulturbegriff und rechnet  die Kultur zum Wesen, zum Dasein des Menschen (vgl. Plessners Fazit in den Stufen: Die Natur der Natur des Menschen besteht in der existenzialen Kultur-Natur-Verschränkung). Kultur ist demgemäß das herausragende Merkmal menschlicher Lebensform. Der Durchschnittsmensch von heute aber lebe im Zustand „schrecklicher Unkultur“. Deshalb habe es  „noch nie so viele verfälschte und verlogene Existenzen gegeben.“ </p>
<p>Kulturgeformtes Leben zeichnet sich durch Orientierung an Normen aus: „(…),dass es keine Kultur gibt, wenn es keine Normen gibt, auf die wir und unsere Gegner zurückgreifen können. Es gibt keine Kultur, wenn es keine Prinzipien des bürgerlichen Rechtes gibt. Es gibt keine Kultur, wenn es keine Ehrfurcht vor gewissen Grundwahrheiten der Erkenntnis gibt. (…) Der Grad der Kultur bemisst sich nach der Genauigkeit der Normen.“  Nur eine straffe große Normenklarheit und Normengenauigkeit  ordne und durchdringe das Leben bis ins Detail der „Ausübung aller Lebensfunktionen“. </p>
<p style="text-align: center;"><strong>Zur Gefahr einer Kluft zwischen  Normenorientierung  und  Versinken in die Tierheit</strong></p>
<p>Das Privatleben des Individuums bildet ebenso wie das kollektive, das gesellschaftliche Leben nur unter der Prämisse des Vorhandenseins und der Anerkennung klarer Normen kulturelles Leben bzw. kultivierte Lebensformen aus. Erziehung ist für Ortega eine der hierzu unabdingbaren Voraussetzungen. Er wendet sich gegen die Intellektuellen ohne Intelligenz, räumt wie <strong>Johann Wolfgang von Goethe</strong> der Phantasie  den Rang eines selbständigen Sinnes ein und betont wie sein Freund <strong>Max Scheler</strong>, auf den er sich bezieht, die Ich-Sphäre  als das Aktionszentrum jeglicher Lebensform. Das Leben und das Ich sind korrespondierende  Elemente  der vitalen Vernunft. Sie ist es, die allem menschlichen Tun dazu verhilft, gegen die ihm feindliche Sphäre der Umwelt (Ortega nennt diese „Lebensumstände“) sinnorientiertes Handeln zu setzen. Das Ich ist eine Person, stellt Ortega versus Scheler fest und den Körper nennt er „mein Kumpel“. Auf der Suche nach einem klaren Personbegriff allerdings bleibt Ortega vage. Für die Lebensform, insoweit der Mensch aktiv ist, handelt, lebt, liebt, leidet, leistet, sich ängstigt usw. kann Ortegas zentrale Aussage: „Ich bin  ich und meine Lebensumstände“ herangezogen werden. Es ist genau jene Definition, die in der späteren Motivationspsychologie mit anderen Worten wiederkehrt, auf das Anlage-Umwelt-Schema abzielt und das Antriebsschema  bzw. Motivbündel des menschlichen Ichs  zum Ausdruck bringt: „ Motivation ist Person – Situations -  Interaktion“ (Heinz Heckhausen). Das Leben ist also ausgedrückt durch die Verschränkung von Ich und Welt. Das Sein des Menschen aber besteht nicht allein in dieser Verschränkung, sondern in einem Prozesscharakter dieses Phänomens, das nach Vorstellung Ortegas, die er von Helmuth Plessner übernommen hat (Die Stufen, 1928), den Menschen als grenzrealisierendes Wesen in den Blick nimmt, als Wesen der exzentrischen Positionalität. Menschliche Lebensform, im Eigentlichen Kultur, ist also immer ein grenzrealisierender Prozeß, bei dem die Grenze überschritten wird, die für tierische Existenz geradezu konstitutiv ist.  Freiheit in den Grenzen der Determiniertheit menschlicher Natur: Ein vorrangiges Thema der Zukunft!</p>
<p>Es ist noch nicht lange her, da zeigten  Erziehungsideale die Tendenz, den Menschen weit über seine animalische, seine triebhafte Existenz hinaus zu entwickeln (vgl. humanistische Erziehungsideale), Egoismen zu unterdrücken, eine Universalitas der Bildung anzustreben, Interessen aus dem Aspekt von Sozialität und Moralität zu verfolgen. Diesen Charakter des gebildeten und freien Menschen hat Goethe mit dem Begriff der <strong>sittlichen Persönlichkeit</strong> zum Ausdruck gebracht.  Häufig hat der Humanismus hierzu den Leitfaden hergegeben. Heute bemühen sich Politik und Kultusministerkonferenzen darum, den Menschen in seinem Streben nach Erfahrung erxorbitanter Sinnlichkeit nicht allzu tief in seiner Tierheit versinken zu lassen.  Dabei könnte es sich als nachteilig erweisen, daß Bildungspolitik absichtsvoll die Begriffe Bildung und Wissen miteinander amalgamiert, so daß bei Bürgern, die sich nicht zulänglich mit der Materie befassen können, Bildung suggestiv angenommen wird, wo die offizielle Politik nur Wissen meint. Man kann vor allem bei Jugendlichen, in der öffentlichen Wahrnehmung des Verhaltens, an ihrer Sprache, ihren Wünschen und Zielen, an ihren Wertschätzungen und Präferenzen  nicht selten  ablesen, daß eine Tendenz zum vorkulturellen Zustand einen eigenartigen Reiz gewinnt. Eine Ellenbogengesellschaft prägt Lebensformen aus, die Macht vor Moral geradezu herausfordern. Geistige Verwahrlosung und Rohigkeit der Gefühle treten öffentlich wie ein Menetekel in Erscheinung: Kultivierung und Zivilisierung der Triebe  scheinen oft wie brüchiges Eis über dem Vulkan triebgeleiteter Interessen zu liegen.   Das gesellschaftliche Niveau droht hinter die bewährten und menschtypischen universellen Fragen und ihre Antworten, die überhaupt erst die Gemeinschaft in kultureller Gestalt prägen, zurück zu fallen: Woher kommt der Mensch, wo geht er hin? Wie halten wir es mit dem Tod? Was ist der Lebenssinn im Ausdruck eines guten und richtigen Lebens? Gibt es metaphysische Bezugsgrößen, unerkennbare Mächte, gibt es also Transzendentales oder nur Diesseitiges?Gibt es also nur Natur , über der  Kultur bloß als Firnis liegt? Gibt es unentbehrliche Regeln des Zusammenlebens? Wann verdient ein Mensch Achtung und wann bzw. unter welchen Bedingungen soziale Ächtung?</p>
<p>W.von Tahlheim</p>
<p><strong> </strong></p>
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